Das Interview, Hanix 78: Was bedeutet eigentlich Folgenlosigkeit?

Das Interview, Hanix 78: Was bedeutet eigentlich Folgenlosigkeit?

Interview: Hanix
Foto: Thomas Schweigert

»Heilbronn, Hauptstadt der Folgenlosigkeit« ist ein einjähriges Kunst- und Stadtentwicklungsprojekt. Unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Harry Mergel organisieren zahlreiche Akteur*innen und Heilbronner Institutionen als »Bund der Folgenlosen« eine Reihe von Ausstellungen, Tagungen, Lesungen, Konzerte, Feste, Performances und Vorträge, die sich alle um das Nicht(s)tun und Vermeiden drehen.

Im Zentrum des urbanen Spektakels steht ein Bürger*innenstipendium als Erprobungsversuch freudvoller Unterlassungen – das »Stipendium für Nicht(s)tun« –, welches Anfang Mai 2022 in der Stadt ausgeschrieben werden soll. 5.000 Euro sollen drei Bürger*innen erhalten, um etwas nicht zu tun. Die Gewinner*innen werden in einem basisdemokratischen Experiment von allen Teilnehmenden ermittelt. Einzige Teilnahmebedingung: Alle, die mitmachen, müssen am Ende auch für drei Monate dem Vorbild der Gewinner*in folgen. Ein*e Stadtschreiber*in und ein Filmteam dokumentieren die geplanten Aktivitäten und die sich daraus entwickelnden Dynamiken.

Hanix unterhielt sich mit Friedrich von Borries, Architekt und Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, dem Urheber des Begriffs »Folgenlosigkeit«. Was bedeutet eigentlich Folgenlosigkeit? Und: Ist es nicht widersprüchlich, ein Projekt mit Folgen auszurichten?


Hanix: Wir haben Heilbronn zur »Hauptstadt der Folgenlosigkeit« erklärt. Wie kommst du als Urheber, Ideen- und Impulsgeber zu dem Begriff »Folgenlosigkeit«?

Friedrich von Borries: Ich hatte vor ein paar Jahren einen Auftrag vom Umweltbundesamt, ein Projekt zur Nachhaltigkeit in Kunst und Politik und wie die beiden Felder miteinander in den Dialog treten könnten. Beim ersten Workshop, den wir im Rahmen dieses Projektes realisiert haben, wurde schnell deutlich, dass sich die eingeladenen Künstler*innen stark gegen eine Instrumentalisierung für Nachhaltigkeitspolitik verwehrt haben. Als eine Begründung wurde angegeben, es sei der große Unterschied zwischen Kunst und Politik, dass man an Politik die Erwartung habe, dass sie Folgen habe, positive Folgen, währenddessen Kunst das Recht hat, folgenlos bleiben zu dürfen. Das ist ein Grundwiderspruch. Er mag die Ursache dafür sein, dass oft von der Politik Wünsche, Vorstellungen an Kunst herangetragen werden und Kunst dann ganz schnell sagt: »Oh Gott, bloß nicht. Wir sind doch Kunst, wir sind frei, wir sind unabhängig, wir sind gar nicht so folgenorientiert.« Ich fand diesen Konflikt spannend und habe ihn weitergesponnen, weil ich glaube, dass der Begriff der »Folgenlosigkeit« sehr aussagekräftig ist für unsere Zeit …

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