Das Interview, Hanix 77: Diaspora, Parallelgesellschaften und Wurzelträume

Das Interview, Hanix 77: Diaspora, Parallelgesellschaften und Wurzelträume

Interview: Hanix
Foto: Nico Kurth

In Hanix Nr. 70 berichtete uns David Sansi eine nette Anekdote: Er, dessen Mutter aus einer deutsch-russischen Familie stammt und dessen Vater gebürtiger Inder aus Neu-Dehli ist, wurde in Güglingen gefragt, wo er denn herkäme. Die Antwort war: »Ich bin gebürtig aus Bietigheim-Bissigen.« Die Antwort: »Nee, also davor?« Wo soll er denn davor hergekommen sein? Hat er sich als kleiner, geflügelter Putto, in einer Wolke über dem Kilimandscharo schwebend, mit seiner Leier gelangweilt?

Jedenfalls entstehen solche Stilblüten wohl bei denjenigen, die sich keinen Kopf machen über das, was Realität ist. Über ein Viertel der Heilbronner sind Hinzugezogene (Migranten oder auch »Ausländer«, wie ein hiesiges Medium diese Menschen gern nennt), weit mehr als die Hälfte haben einen sogenannten Migrationshintergrund, sind also hier geboren, haben aber Eltern oder Großeltern, die hier nicht geboren wurden. Wenn man jetzt darauf bestünde, dass jede Seele an die Scholle gebunden sei, auf der sie geboren wurde – wie es gern in esoterischen Kreisen um die arische Wedin Anastasia ausgesagt wird –, dann gehören diejenigen mit Migrationshintergrund, die hier auf dieser Scholle geborenen sind, zweifellos hierher. Hier ist ihre Seele.

Drollig sind solche, die sich über die Überfremdung in der Heilbronner Innenstadt aufregen: »Man hört da ja kein Wort Deutsch mehr!« Erstens stellt sich die Frage, wohin sie wohl gingen, wenn sie nach Bulgarien oder sonstwohin vor der Schufa oder dem »Impf-Holocaust« flöhen. Doch wohl in die jeweilige Innenstadt! Dort gibt es Kaffees, Kneipen, mithin auch das eine oder andere deutsche Geschäft, oder auch die öffentlichen Plätze, wo man jemandem begegnet, wo man Kontakte knüpft, Informationen sammelt oder einfach am Leben teilnehmen kann. Zweitens ist es lustig, wenn jene Klagen ausgerechnet diejenigen formulieren, die vor 2015 untereinander vertraulich darüber gewitzelt haben, man könne in der Innenstadt gar nicht richtig shoppen. »So etwas niveauloses!« Man ginge da lieber geschwind nach Breuninger-Land oder noch besser Shoppen im Rahmen eines wochenendlichen Kulturtrips nach München oder Düsseldorf.

Oder auch die Klagen über das »Rumlungern von Ausländern« auf öffentlichen Plätzen, das Sitzen und Schwätzen auf Mäuerchen, Stufen oder dem sommerlichen Mobiliar rund um den Musikantenbrunnen. Gab es nicht einmal das Seufzen darüber, dass man sich den Aufenthalt auf den öffentlichen Plätzen nur durch den kostspieligen Besuch in Eisdielen oder Kaffees teuer erkaufen könne? Ist dieses »Lungern« – also das zwanglose Beisammensein im öffentlichen Raum – nicht eine stille Sehnsucht der Hiesigen, die sich nur nicht getraut haben, das zu realisieren, was jetzt »die anderen« so selbstverständlich tun?

Bei all der Kurzschlüssigkeit, der kognitiven Dissonanz und mentalen Verrückung schien es uns angebracht, einmal Frau Roswitha Keicher zu befragen. Sie ist Leiterin der Stabsstelle Partizipation und Integration der Stadt Heilbronn. In unserem Gespräch geht es um die Frage, warum Menschen, die zugewandert sind, hier bleiben und sich an der Gesellschaft beteiligen möchten, sich aber trotzdem als in der »Diaspora« bezeichnen. Sind »Communities« ein Ausdruck für Parallelgesellschaften und wie kann man Sehnsüchte der Hinzugezogenen nach der eigenen, ursprünglichen Kultur eigentlich »integrieren«?


Hanix: Wir hatten in Hanix 75 ein Interview von Sandra Besara mit Natascha Kelly. Da ging es darum, dass People of Color (PoC) sowohl der Integrations- und Emanzipationsbewegungen der Migrierenden als auch derjenigen, die seit Generationen schon hier leben, um Gleichstellung und Partizipation in der hiesigen Gesellschaft kämpfen. Einerseits wird völlige Gleichwertigkeit gewünscht, ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben in Kultur, Politik und Ökonomie dieses Landes, andererseits wird darauf beharrt, dass man in der »Diaspora«, also im Exil, lebe. Wie kann man sich aus Ihrem Verständnis diese Paradoxie erklären?

Roswitha Keicher: Ich glaube, dass es ganz viele verschiedene Facetten sind, die da mit hineinspielen. Zum einen gibt es durchaus ein anderes Familienverständnis. Das heißt, dass die Familie einen ganz anderen Stellenwert und einen ganz anderen Umfang hat und somit eine andere Verbundenheit miteinander – auch über Generationen und Ländergrenzen hinweg – gegeben ist. Wir sind vereinfacht gesagt in Mitteleuropa von einem anderen Familienbegriff geprägt. Es gibt sicher Menschen, die im Auftrag der Familie »geschickt« worden sind oder die es besser haben sollten als die Herkunftsfamilien …

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