Gesellschaft, Hanix 78: Das Wollhaus: Zwischen Aufbruch und Abriss

Gesellschaft, Hanix 78: Das Wollhaus: Zwischen Aufbruch und Abriss

Text: Benedikt Supper
Foto: Nico Kurth

Kein Gebäude in Heilbronn ist so umstritten wie das Wollhaus. Das Heilbronner Sorgenkind bekommt nicht selten den Beinamen »Schandfleck« und lädt förmlich dazu ein, ein vorschnelles Urteil abzugeben.

Wer das erste Mal nach Heilbronn kommt und die Allee entlangfährt, stößt auf einen Gebäudekomplex, der auf den ersten Blick nicht so richtig eingeordnet werden kann. Erschrocken schaut man einer kleinen Biegung folgend auf einen grauen Koloss mit vielen Ecken und Kanten. Die Fassade wirkt schmutzig und bedrückend. Aus der Betonmasse reckt sich ein Turm empor, der leblos und verlassen scheint. Die Straße windet sich nach rechts, verengt sich und führt unter einer Brücke hindurch, die wie ein ausgestreckter Arm bedrohlich über die Fahrbahn greift. Man bekommt das Gefühl, von der grauen Masse verschluckt zu werden. 50 Meter weiter endlich Licht. Tempo 40 ist zu schnell, um das Gesehene zu sortieren, aber langsam genug, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Wer in Heilbronn lebt, ist den Anblick gewohnt. Ob zu Fuß, mit Bus oder Auto, an dem zentral gelegenen Gebäude führt kein Weg vorbei. Vor dem Eingang befindet sich ein Busbahnhof, der eine Tiefgarage unter sich verbirgt. Der Gebäudekomplex ist nach dem historischen Wollhaus benannt, das im 19. Jahrhundert als großer Umschlagplatz für Schafswolle diente. Zuvor stand dort seit 1891 das Heilbronner Stadtbad, was in den 1970er Jahren einem Kaufhaus weichen sollte. Architektonischer Zeitgeist war der »Brutalismus«, eine kastenförmige Bauweise mit sehr viel Beton. Der zeitgenössische Stil wurde durch die zahlreichen Ecken gleichsam verfremdet. Die Eröffnung des Kaufhauses im Jahre 1975 war ein außerordentlicher Erfolg und zog Menschen aus der Heilbronner Umgebung in die Innenstadt. Doch knapp 50 Jahre später scheint das Einkaufszentrum aus der Zeit gefallen zu sein. Um den kalten Beton zu verdecken, wurden nachträglich Natursteinplatten angebracht, die am Turm bereits abgefallen sind. Die größte Verkaufsfläche, die 10.000 Quadratmeter umfasst, steht leer. Das Innenleben ist so »original«, dass es heute als »retro« durchgeht …

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